Gastbeitrag von Bernd Villwock
Gerade einmal ein halbes Jahr ist vergangen, seit ich zuletzt auf der Finca war! Joëlle hat nur gelacht, als sie es erfuhr – genau das hatte sie mir beim letzten Besuch prophezeit. Die Blog-Einträge aus den vergangenen Monaten hatten mich schon ein wenig auf die jüngsten Entwicklungen vorbereitet, aber vor Ort war das natürlich noch sehr viel eindrücklicher.
Viele Veränderungen in kurzer Zeit!
Als Erstes fiel mir das neue, tolle Büro von Joëlle ins Auge, später dann entdeckte ich auch eine Reihe weiterer von Michis neuesten Arbeiten. Er hat nicht nur ein gutes Händchen für schöne Möbel, sondern auch für kunstvolle Dekorationen. Inklusive „Upcycling at it’s best“! – zum Beispiel in Form von in die Wände eingelassenem Buntglas und fantasievollen Kerzenhaltern.

Schon bei der ersten gemeinsamen Tour durch den Schutzwald sind aber auch die Zerstörungen durch die letzten Starkregen nicht zu übersehen. Wo sich vorher Wald oder Kuhweiden befanden, ragen nun an verschiedenen Stellen senkrechte Absturzkanten auf. Leider hat es auch einen von Joëlles Spazierwegen erwischt. Er endet nun unversehens mit einer einsamen Stufe…
Natürlich lässt sich Michi davon nicht unterkriegen. In einem anderen Teil des Farm-Geländes, ausgehend vom Aussichts-Turm, entsteht gerade ein neuer, noch schönerer Weg. César hat den Wegesverlauf bereits freigeschlagen, der auch an einem kleinen Wasserfall vorbeiführt. Am folgenden Tag gehen Michi und César den Weg gemeinsam ab und verabreden letzte Veränderungen.

An einer anderen Absturz-Stelle, mitten im Wald, zeigt Michi mir einen wunderschönen großen Urwaldbaum. Um ihn herum stehen hunderte, aus den Baumsamen ausgekeimte Sprösslinge. Die stärksten davon werden César und Michi ausgraben, erzählt er mir, um sie auf der ehemaligen Kuhweide unterhalb der Absturzstelle einzupflanzen. So wird die Wiederbewaldung Stück für Stück fortgeführt, ein wirklich schöner Gedanke!
Als ziemlich bedrückend dagegen empfinde ich, wie sehr das Gold-Schürfen in den letzten Monaten näher an die Finca herangerückt ist: Unmittelbar neben dem Gelände der Casa Liza zum Beispiel ist eine Sand- und Lehm-Wüste mit großen eckigen Löchern entstanden, die mit Wasser vollgelaufen sind. Nachdem an dieser Stelle bereits einmal das Schutzgebiet von Selva Viva missachtet wurde, bringt Michi nun an der Gebietsgrenze weitere Schilder an, auf denen vor einer Anzeige gewarnt wird. Eines davon tauschen wir aus, denn es wurde von einer Machete zerstört. Bei anderer Gelegenheit stoßen wir etwas weiter entfernt am Rio Napo auf die ersten Vorbereitungen für eine neue illegale Schürfstelle…

Beim Nachrecherchieren finde ich die Erläuterungen von Michi und Joëlle bestätigt: Mit dem astronomisch hohen Goldpreis haben sich die illegalen Goldminen wie ein Krebsgeschwür im tropischen Regenwald Südamerikas ausgebreitet und erschreckende Dimensionen angenommen. Und speziell der Einzugsbereich des Rio Napo, zu dem auch die Fließgewässer in und um Selva Viva gehören, hat es inzwischen zu einer traurigen internationalen Berühmtheit gebracht (siehe z. B. den Fernsehbeitrag: „Ecuador – Kampf gegen illegalen Goldabbau im Regenwald“; 09.11.2025 ∙ Weltspiegel ∙ ARD Beitrag in der ARD Mediathek – hier klicken).
-> die Comunidad Serena, von der in diesem Beitrag die Rede ist, befindet sich nur ca. 40 km Flussaufwärts von der Finca Don Sigifredo und Selva Viva
Joëlle und Michi kämpfen rund um Selva Viva weiter dagegen an, wenn auch nach offenen Anfeindungen und Drohungen etwas vorsichtiger. Und mit ihrer Hartnäckigkeit haben sie inzwischen eine Gruppe von Unterstützern aktivieren können, zu denen neben touristischen Einrichtungen auch heimische Kichwa-Initiativen gehören. Auch wenn Joëlle sich zurzeit nicht viele Hoffnungen macht: mit der „Nachrichten-Kette“ und der gemeinsamen Veröffentlichung ihres „Manifestes“ gegen das Gold-Schürfen setzen sie Zeichen und bringen auch Aktionen in Bewegung.
Ein paar Tage „Einhüten“
Wie schon bei meinen Besuchen zuvor nutzen Joëlle und Michi die Gelegenheit, für ein paar Tage Urlaub zu machen. Ich halte sehr gerne die Stellung und kümmere mich um die Tiere. Wie immer gibt es dabei Überraschungen: Dieses Mal ist es die Hündin Hera, die ausgerechnet in dieser Zeit zum ersten Mal läufig wird. Das beschert ihr schon bald einen Fanclub von Hunden aus der Nachbarschaft, die Hector, Odin und ich jedoch mit vereinten Kräften abwehren können. Trotzdem muss Hera leider ein paar Tage lang an der Leine bleiben.

Die Hühner hingegen sind dieses Mal eine uneingeschränkte Freude – nicht nur wegen der zuverlässig gelegten Eier! Wenn sie, einige schneeweiß, frühmorgens im Gelände ausschwärmen und an der Terrasse vorbeiziehen, hat das etwas Engelsgleiches. Die fünf Küken, noch im Laufstall, schauen ihnen zu und träumen von der Freiheit. Zwei andere Hühner, noch nicht ganz ausgewachsen, machen immer alles anders als der Rest und brauchen jeden Abend eine Extraeinladung zum Schlafen gehen. Das ist wirklich lustig!

In der Mehrzahl der „Einhüte-Tage“-Tage sind auch wieder Vorarbeiter César und seine Frau Hilda bis zum Nachmittag auf der Finca. Wie immer erzählt César über das Leben und die Geschichte der Menschen, die wie er und seine Familie auf der anderen Seite vom Fluss auf „der Insel“ leben. Das ist besonders interessant, weil César selbst seit seiner Jugend mit Ausländern zu tun hat, schon ziemlich viel gereist ist und deshalb beide „Welten“ kennt. Umso deutlicher wird mir wieder einmal, wie sehr sich das ländliche Kichwa-Leben immer noch von meinem eigenen unterscheidet. Sehr schade finden die beiden – wie auch ich selbst – die Entwicklung ihres jüngsten Sohns, Lizandro. Er war der letzte Schützling des Studentenhauses des Schulvereins und alle hofften, dass er die Schule abschließen würde. Noch in der kleinen Urwaldschule hatte ich Lizandro vor sechs Jahren kennengelernt und als besonders begabt erlebt. Nun aber hat er letztlich doch abgebrochen und sich entschieden, in einer weit entfernten legalen Goldmine zu arbeiten…
Immer wieder schön!
Nachdem ich mich wie immer ein wenig an das Klima und die Stechtiere in Puerto Barantilla gewöhnen musste, sind die letzten Tage auf der Finca wieder ein großartiges Naturerlebnis. Jeder Morgen und jeder Abend haben etwas unvergleichbar Schönes.
Und wenn ich mit den Hunden durch den Wald streife, freue ich mich über die Vögel und die Bäume und die kunstvoll verschlungenen Lianen…

Rund um das Haus sind es dieses Mal vor allem die Insekten, die mir interessante Erlebnisse bieten. Zum Beispiel baut eine Lehmwespe am Eingangsgitter ein Nest aus Lehm. Über mehrere Tage baut sie verschiedene Röhren an, in die sie jeweils eine gefangene Spinne als Futter für ihre zukünftigen Larven einmauert. Faszinierend!

Eines Tages hat sich eine Königin der äußerst schmerzhaft stechenden Konga-Ameise in die Küche verirrt (ich fange sie ein und setze sie an einem weit entfernten Ort aus). Vor dem Schulhäuschen verspeist eine besonders schöne Spinnenart eine Raupe. Und während meiner Siesta auf dem Balkon schwärmt unmittelbar daneben ein Wespenvolk herbei und beginnt, sein neues Haus zu bauen. Nach der Rückkehr von Joëlle und Michi kann ich dann auch noch etwas mehr bei den Arbeiten mit anpacken. Ich putze die Stufen auf den älteren von „Joëlles“ Wegen rund um die Finca von Lehm und Blättern frei und schneide nochmal für eineinhalb Stunden Bambus-Triebe. Am letzten Tag helfe ich César ein klein wenig dabei, zwei Tore an Joëlles neuem Rundweg zu installieren. César macht das in seinem gewohnten handwerklichen Geschick und seiner Improvisationskunst.

Am letzten Tag komme ich sogar noch in den Genuss eines von Joëlle und Michi ausgerichteten Weihnachtsessens für die Waldhüter von Selva Viva. Ohne die Waldhüter wäre es mit den beständig wachsenden Herausforderungen sicher nicht möglich, den Schutz des Stiftungswaldes auch in Zukunft zu gewährleisten. Und dieses große Anliegen verlieren Joëlle und Michi nie aus dem Blick.

Bis bald, liebe Joëlle und lieber Michi, und danke für euren Einsatz!
Bis bald, liebe Tiere und faszinierende Natur!
Bis bald, Puerto Barantilla!
Anmerkung von Joëlle und Michi:
Vielen herzlichen Dank lieber Bernd, dass du uns so regelmässig besuchst! Wir freuen uns jedes Mal wenn du bei uns bist.
Bis bald, lieber Bernd (in einem halben Jahr?)

4 Anworten auf „Alle (halbe) Jahre wieder!“
Wunderbarer Beitrag.
Guter Blog….👍👍👍👍
Gruss von uns an Bernd👋👋👋
So ein schöner und authentischer Dschungel- und Erlebnisbericht. Danke!
Interessant, von einem sporadischen Besucher seine Sicht über die erfreulichen wie auch negativen Veränderungen zu erfahren. Danke, ich wünsche euch frohe Festtage und nur das Beste für’s Neue Jahr. André