Auch an uns geht der Gott Fussball nicht einfach so vorbei. Ecuador ist ein fussballfanatisches Land. Die ganze Nation fiebert und leidet mit, wenn ihr Team „La Tri“, spielt. Auch bei uns im Regenwald. Am Tag des Spiels tragen geschätzt 75 Prozent aller Leute das Nationaltrikot und das schon früh morgens. In einigen Supermärkten und sogar in Banken wird es ganz selbstverständlich zur Uniform. Ausser der Polizei und dem Militär tragen alle die Nationalfarben. Als Ecuador den Überraschungssieg gegen Deutschland schaffte und so eine Runde weiterkam, stand alles kopf. Die Hälfte der Leute konnte am nächsten Tag nicht zur Arbeit gehen, da sie immer noch betrunken waren. Auch so bei uns mit César, aber er rief wenigstens an. Als danach Ecuador gegen Mexiko ausschied, war auch aufs Mal die WM vorbei; zumindest hier bei uns im Regenwald. In den Grossstädten ist das Interesse auch auf ein Minimum geschrumpft. Wir fieberten mit der Schweiz mit und für uns waren die Anspielzeiten viel freundlicher. Nun nur noch das Finale und dann ist der Spuk auch schon wieder vorbei.

Michael wollte ein zweites Bankkonto mit höheren Zinsen eröffnen und das bei der Bank, wo er schon ein Konto hat. Ja, ein Geschäftskonto hat hier einen normalen Zins von 4.75%. Das ist wie früher, als wir als Kinder ein Sparbüchlein mit dem gleichen Zinssatz hatten. Da unsere kleine Firma auf Joëlles Steuernummer läuft, musste sie versichern, dass Michael da arbeitet. Ausgesprochen – und gut wars. Also bekam Michael das neue Konto. Das heisst, nachdem er die Hürde mit der Unterschrift schaffte. Ganz wichtig beim Unterzeichnen ist es, dass die Unterschrift ganz genau so aussieht wie auf der Identitätskarte. Nun kann man sich gut vorstellen, dass eine Unterschrift auf einer kreditkartengrossen Karte in einem kleinen Feld nie gleich aussieht wie eine Unterschrift auf einem A4 Dokument – das muss sie aber! In der Schweiz genügt es, wenn sie sehr ähnlich ist. Abhängig von der Tagesform und der emotionalen Stimmung verändert sich die Unterschrift auch mal. Das aber darf sie bei der Bank in Ecuador nicht. Deshalb prägte sich Michael seine Unterschrift genau ein und übte dann auch ein wenig auf einem neutralen Blatt. Der erste Versuch wurde dann prompt nicht akzeptiert. Die Bankangestellte musste das Dokument erneut ausdrucken und bat Michael um mehr Genauigkeit. Schon lustig, dass man in der Bank seine eigene Unterschrift üben muss. Das ging nicht nur Michael so; wir kennen da eine Person die A4-Blätter voll mit ihrer Unterschrift üben musste 😉. Ein Waldhüter von Selva Viva hat sogar bei seiner neuen Identitätskarte eine neue und viel einfachere Unterschrift eingesetzt; sie besteht jetzt nur noch aus seinen Initialen.
Wir haben gerade Streitigkeiten über Grundstücksgrenzen mit einem Nachbarn oder eher mit dem Onkel der Frau dieses Nachbarn. Tja, das gibt es leider auch hier. Obwohl wir fast komplett von geschütztem Wald umgeben sind (Selva Viva und Schutzwald von Casa del Suizo), gibt es ein Nachbarsgrundstück, das sich eine Familie vor vier Jahren unrechtmässig angeeignet hat. Wir wussten damals bereits davon, hofften jedoch, dass alles seine Richtigkeit habe – vor allem, weil der damalige Geschäftsführer von Selva Viva stark involviert war. Heute wissen wir es leider besser. Als damals die Grenzen vermessen wurden, stimmten diese mit unseren Papieren sowie den langjährigen Grenzpunkten und -linien im Gelände überein. Heute, nur vier Jahre später, soll das plötzlich nicht mehr gelten. Die Grenze wurde erneut ohne unser Wissen und ohne unser Einverständnis neu vermessen. Dabei wurden die Grenzpunkte frech um rund 20 Meter zu unseren Ungunsten verschoben.


Berechtigterweise wollten wir wissen, warum die Grenze nach nur vier Jahren neu vermessen werden musste und weshalb sie so stark abweicht. Den offiziellen Besitzer des Grundstücks können wir nicht kontaktieren, da uns niemand seine Nummer geben will. Stattdessen hat sich herausgestellt, wie könnte es auch anders sein, dass der ehemalige Geschäftsführer von Selva Viva einmal mehr involviert ist. Er war übrigens auch derjenige, der die Neuvermessung in Auftrag gegeben und seine Leute zum Freischneiden geschickt hat. Auf Michaels Nachfrage zu dieser unverständlichen Situation, kam seine allbekannte und arrogante Antwort die er jedes Mal, wenn er in die Enge getrieben wird von sich gibt: „Das geht dich nichts an!“ und „Warum hinterfragst du, was ich hier mache?“. Michaels logische Antwort, dass wir die Besitzer des Nachbargrundstücks sind und es uns sehr wohl etwas angeht, blieb unkommentiert. Der Topograf selbst bestand darauf, dass er nur den ihm übertragenen Auftrag ausführe und keinen direkten Kontakt zu den offiziellen Eigentümern habe.

Bei uns wirft das viele Fragen auf, und wir werden das keinesfalls einfach so hinnehmen. Anfangs hatten wir Vermutungen, die sich durch weitere Recherchen erhärtet haben. Da nicht nur unsere Grenze, sondern auch jene von Selva Viva betroffen ist, werden weitere Abklärungen folgen müssen. Besonders auffällig ist, dass die Grenze von Selva Viva so verschoben wurde, dass laut neuer Vermessung nun ein Gebiet mit mutmasslich viel Goldvorkommen zum Grundstück ebendieses Besitzers gehört, den wir nicht erreichen können. Unsere logische Frage lautet daher: Warum lässt man eine Grenze, die vier Jahre lang der historischen und dokumentierten Grenze entsprach, plötzlich neu vermessen? Die naheliegendste Antwort für uns ist, dass die Gier nach Gold und Bestechlichkeit eine grosse Rolle spielen. So kann man Grenzen schön flexibel zugunsten der zahlenden Partei hin- und herschieben. Wir werden sehen, was da noch alles auf uns zukommt. Mit Sicherheit werden wir herausfinden, wer alles dahintersteckt.





























































































