

Gastbeitrag von Britta Scheunemann
Zum dritten Mal durfte ich nun schon die Sommerschule in Puerto Barantilla im Schulhäuschen auf der Finca Don Sigifredo durchführen – es ist ein bisschen wie Heimkommen und es ist schön zu wissen, dass auf die Sommerschule gewartet wird: Joëlle und Michi sind schon Monate vorher danach gefragt worden.
Rund 26 Kinder konnten wir in diesem Jahr erreichen – das sind ein paar weniger als im vergangenen Jahr. Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren: Ist die Information möglicherweise nicht an alle gelangt? Es scheint Animositäten zwischen einigen Familien zu geben und auch die Kinder mussten zum Teil erst lernen, sich alle gegenseitig zu respektieren. Ich habe vorgängig versucht über alle möglichen Whatsappkontakte und natürlich über Joëlle und Michi die Information zu streuen, aber ich vermisse doch einige Kinder der letzten Jahre, insbesondere aus dem Colegio und Bachillerato. Und auffällig ist auch, wie wenig Mädchen aus den höheren Grados anwesend sind.
Dafür entwickelt sich das Ganze in diesem Jahr weitaus mehr zu einem Sommercamp, was ja ursprünglich meine Idee gewesen ist: Die Kinder und Jugendlichen kommen an mehreren Tagen, die in etwa ihrem Niveau entsprechen, oft auch ohne an einer fixen Einteilung an dem Grado (Schulstufe), in dem sie sich befinden, festzuhalten. Für die Eltern sind damit natürlich auch Betreuung und Verpflegung gesichert, aber als positiver Effekt sind deutliche Lernfortschritte bei denjenigen zu bemerken, die mehrmals in der Woche kommen. Mit zwei fortgeschritteneren Gruppen konnten wir im Englisch richtig vorwärtskommen und auch einige Mathedefizite aufarbeiten….wobei wir natürlich weit entfernt sind von dem, was wir aus unserem Schweizer Schulsystem kennen und erwarten. Nachsprechen und Auswendiglernen sind nach wie vor in allen Grados verbreitet und ich musste selbst die Arbeitsweise der Lückentexte wieder einmal erklären. Viele Kinder warten einfach darauf, dass ihnen die Lösung vorgesagt wird oder sie abschreiben können und es braucht nach wie vor viel Geduld und viele ganz kleine Spielchen, um sie an das Arbeiten zu zweit oder in Kleingruppen heranzuführen. Und leider gibt es immer noch einige Kinder, die weder lesen noch schreiben oder rechnen können.
Unsere Tage sind immer sehr strukturiert, das hilft den Kindern, sich zu orientieren. Ich danke immer noch den KollegInnen, die «Today’s Program» eingeführt haben, das wir jeden Morgen nach dem Begrüssungslied laut vorlesen.


Highlight sind jeden Tag die Essenzubereitungen (Haferbrei mit Obst und Mittagessen), aber auch Basteln und Experimente kommen gut an. Dazu später noch mehr.


Beim Essen gilt es immer noch zu warten, bis alle etwas auf dem Teller haben und gemeinsam zu beginnen. Neu in diesem Jahr habe ich eingeführt, dass wir auch warten, bis alle aufgegessen haben, dann die Teller durchreichen, stapeln und erst danach aufstehen. Ansonsten sprang jede und jeder auf, wenn er oder sie fertig war, trug seinen Teller in die Küche, um ihn mit viel Überschwemmung abzuwaschen und liess alle anderen am Tisch sitzen. Wir haben in diesem Jahr sogar regelmässig mit Servietten gedeckt und einen Dessertlöffel zu platzieren gelernt. Meine Schwiegermutter sagt zu ihm immer «kleiner Prophet» und so nennen wir ihn auch hier «profeta».


Natürlich haben wir nicht nur Englisch, Mathe und Lengua (Spanisch) gemacht, sondern auch diverse Dinge gebastelt und produziert; Anhänger, Seifen, Blumen aus Krepp und einiges mehr. Niederschwellige physikalische Experimente mit den Grados des Colegio sorgen immer wieder für Erstaunen und mit der recht kleinen, aber neugierigen Freitagsgruppe habe ich sogar eine Einheit zu Mikroplastik durchführen können. Dafür mussten sie Sand mitbringen, den wir trocken, im Wasser und in Salzwasser unter einer Lupe angeschaut haben und so das Mikroplastik erkennen konnten. Dazu galt es, die Ergebnisse und Erkenntnisse auf einem Bogen zusammenzufassen und Evaluationfragen zu beantworten. Das Müllproblem ist ja nach wie vor recht erheblich und wir sammeln jeden Tag vom Bootsanleger bis zur Bushaltestelle rund einen kleinen Sack Müll auf – an der Sensibilisierung beissen sich ja schon seit Jahrzehnten die Unterrichtenden die Zähne aus. Ausserdem habe ich die Grösseren Wasserproben mitbringen lassen, um einen Schnelltest auf Quecksilber zu machen. Zwar habe ich in den letzten Wochen keine Dragas gesehen und der Fluss führt sehr viel Wasser aufgrund der grossen Regenmengen, aber generell ist die Situation natürlich beunruhigend. Und so haben wir uns dann an einem Freitag mit dem Thema «Mercurio» (d.i. Quecksilber auf Spanisch beschäftigt).

Mit einer ersten Ideensammlung ging es los, dann durfte im Internet nach Informationen gesucht werden (mit welchen Schlagwörtern muss man suchen, um Infos zu bekommen und was bedeutet eigentlich IA?) und dann haben wir uns noch einen eindrucksvollen Film zur Verseuchung des Rio Napo aufgrund der illegalen Goldwäscherei angeschaut. Und schliesslich haben wir die sehr groben Teststreifen in die Wasserproben hineingehalten und Farbvergleiche gemacht. Dabei stellten sich mindestens zwei Proben als eindeutig auffällig heraus. Ich werde nun Wasserproben mit in die Schweiz nehmen und dort in ein Labor geben und auf Schwermetalle untersuchen lassen. Die Lust aufs Baden oder auf Fisch ist mir aber erst einmal leicht vergangen.
Die Zeit ist wieder einmal rasend schnell vergangen und es gäbe noch viel mehr zu berichten, was diesen Blog vermutlich sprengen würde. Daher nur kurz zwei meiner schönsten Momente:
Der eine ist dieses unscheinbare Bild, aber die Situation dahinter hat mein Lehrerinnenherz höher schlagen lassen.

Wir hatten 10 Minuten Pause nach anstrengenden Matheübungen, die mit individuellen Aufgaben in einer Lernapp beendet wurden. Der junge Mann ganz rechts war so fasziniert von der schriftlichen Subtraktion, dass ihm die Pause egal war und er weitergearbeitet hat, der Junge in der Mitte hatte entdeckt, dass es in der App auch Aufgaben zur Geschichte gab und hat sich vollkommen fasziniert die Geschichte der Steinzeit angehört und Aufgaben gemacht und der Junge ganz hinten auf dem Boden hat mit seiner Schwester in der Pause ein Lernspiel (Wörter finden) gespielt. Einzig der Junge mit dem orangenen T-Shirt hat die Pause eingesetzt, um am Ipad zu spielen (dazu können die mit der Lernapp erworbenen Punkte eingesetzt werden und die 10 Minuten sind das einzige Zeitfenster am Tag, dies zu tun). Es war ein Montessorimoment !
Und der andere schöne Moment: Mehrere Mädchen stehen um mich herum und sagen «Maestra, te amamos».
Zum Abschluss haben die Kinder, die regelmässig da waren (teilweise bis zu 10 Mal) stolz ihre Teilnahmediplome erhalten und ihre Zahnbürsten sowie diverse Vorratsreste mit nach Hause genommen. Die Fertigrösti, die ich aus der Schweiz mitgebracht hatte, waren dabei besonders begehrt. Ihre Unterrichtsmappen haben sie «hasta el próximo año» im Schulhäuschen gelassen – wie könnten wir da die Sommerschule nicht weiterführen?!











