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Sommerschule

Und wieder einmal Sommerschule

Beitrag von Britta Scheunemann

Die langen Ferien in Ecuador haben begonnen und wir haben Ende Juni mit der vierten Sommerschule in Sacha Yachana Wasi Puerto Barantilla gestartet.

Meine eigenen Lernenden in der Schweiz sind am Freitag zuvor in die Ferien entlassen worden, und so bin ich direkt am Samstag in den Flieger gestiegen und nach schneller Migration und einer verloren gegangenen Tasche in strömendem Regen mit Bergrutsch sofort nach Tena weitergefahren, wo Michi mich am Sonntag abgeholt hat. Zum Glück hatte Joëlle schon vorgängig meine Einkaufsliste abgearbeitet, so dass ich nur noch die letzten fehlenden Kleinigkeiten organisieren musste.

Und dann war ich auch schon wieder im Schulhäuschen, das aus dem Dornröschenschlaf geweckt werden musste. Material sichten, Regale auswischen, Drucker kontrollieren, die iPads laden und überprüfen… Letztere leiden schon sehr im Dschungel und kommen so langsam in die Jahre. Eines hat sich leider komplett verabschiedet, vier weitere müssen dauerhaft geladen werden. Aber immerhin haben wir insgesamt noch 10 mehr oder weniger funktionierende iPads, was allerdings spätestens dann leicht problematisch wird, wenn wir 13 Kinder im Schulhäuschen haben, doch dazu später.

Nach den Erfahrungen der letzten Jahre, habe ich an mehreren Tagen die Gruppen bewusst geöffnet, um etwas mehr Campcharakter in das Ganze zu bringen. Dazu gehörte auch, dem Essen (noch) mehr Priorität zu geben und im Unterricht verstärkt auf Englisch und Mathematik sowie diverse niederschwellige Projekte und Bastelarbeiten zu setzen. Da die Mehrheit mittlerweile doch halbwegs alphabetisiert ist, haben wir Spanisch nur gemacht, wenn wirklich die Zeit blieb. Das ist sowohl für die Kids als auch für mich entspannter und hetzt uns etwas weniger durch den Tag.

Im Juni hatte ich mit der Information gestartet, wobei schon im März klar war, dass ich kommen würde. Auch die Lehrpersonen der kleinen Dschungelschule unten am Fluss haben die Infos weitergegeben und sich bei mir gemeldet – und alles andere lief dann im wahrsten Sinne des Wortes über den Buschfunk. Es erschliesst sich mir immer noch nicht, woher Jairo, unser Schulbootfahrer seit der ersten Sommerschule, eigentlich genau weiss, wo er nun Kinder abholen soll…

Insgesamt 30 Kinder sind während der Sommerschule dabei gewesen, davon zehn «neue» Kinder, während die übrigen schon seit mehreren Jahren dabei sind. Einige wenige kamen nur ein einziges Mal, die meisten aber waren regelmässig an zwei Tagen pro Woche dabei und konnten so zum Abschluss stolz ihr «certificado» in Empfang nehmen. Durch die Öffnung der Gruppen waren an einigen Tagen bis zu 13 Kinder anwesend, da ist das Schulhäuschen schon an die Kapazitätsgrenze gelangt und die Kinder mussten sich Tische und Tabletts teilen, was nicht allen gleich gut gelang – Material teilen und Rücksicht aufeinander nehmen scheint grösstenteils unbekannt und so sichert jede und jeder zunächst einmal für sich selbst.

Tja, und dann ging alles seinen gewohnten Gang, mit den üblichen Schockmomenten für mich, wenn ich merke, dass Gruppenarbeiten so gar nicht funktionieren, selbst die grösseren Kinder Hunderter und Einer nicht richtig unterscheiden und zusammenzählen können, die Colegiolernenden kaum in der Lage sind ein Wort Englisch herauszubringen oder zu lesen – ich weiss wirklich nicht, was die dort eigentlich machen –  und ich nach der Erklärung, dass wir gerade einen Mandelkuchen zum Dessert hatten gefragt werde, was denn Mandeln sind.

Die Entschädigung erfolgt durch die  tollen Momente, wenn ich mit einem Mal sehe, dass sie sich in Dreiergruppen zusammen Vokabeln abfragen, dass die Oberstufenschülerin feststellt, dass 70 x 6 ja sogar im Kopf gerechnet werden kann, weil sie ja weiss, dass 7 x 6 = 42 sind und sie nur noch eine Null anhängen muss, wenn die «Neuen», die zu Beginn so verschüchtert sind, dass sie kein Wort sagen, plötzlich mitmachen, wenn wir Gewichte mit der Waage bestimmen und alle fasziniert von der Statik der Eierschalen sind, die so viel Gewicht tragen können, wenn zwar niemand weiss, wieviel Gramm eine libra hat, aber man mir sofort sagt, dass es ungefähr fünf mittelgrosse Kartoffeln sind (was stimmt), wenn wir das Uno Spielen entdecken und das Lieblingsspiel eines ist, bei dem es ums Worte finden und Buchstabieren geht, wenn jedes noch so simple physikalische Experiment mit Freude beobachtet und nachgemacht wird.

Und natürlich, wenn ich sehe, mit welcher Hingabe sie mit der Lernapp Anton arbeiten. Was ich an dieser geförderten App der EU besonders mag, ist die Tatsache, dass ich jedem Kind eigene Übungen zuordnen kann und das leidige Abschreiben verhindere, mit dem sich viele durch die gesamte Schulzeit schlängeln.

Mein grosses Ziel für dieses Jahr war das Lesen der Uhr, das ich mit allen Grados an jedem einzelnen Tag geübt habe. Dort waren riesige Fortschritte zu verzeichnen und der Abschlusswettbewerb, bei dem zwei ausrangierte aber noch super funktionierende Sportuhren gewonnen werden konnten, sorgte für viel Ehrgeiz. Der Gewinner bei den Jungs war einer der Jüngeren mit ausgeprägt schneller Auffassungsgabe, für dessen Handgelenk die Uhr viel zu gross war, so dass das Band noch ein paar mehr Löcher haben muss, aber er war hin und weg und hatte nach 15 Minuten alle Funktionen erfasst, für die ich selbst immer das Handbuch konsultieren muss. Meine verstorbenen Eltern hätte sicherlich ebenso viel Freude wie ich daran, ihre Sportuhren nun im Dschungel zu sehen.

Das Wichtigste an den Tagen aber waren immer die Mahlzeiten. Zum einen der traditionelle Haferbrei auf Milchbasis mit Zimt, Vanille und viel Obst (und neuerdings auch noch etwas Sahne), der in der ersten Pause verspeist wird und dann natürlich das Mittagessen mit Nachtisch. Je älter die Kinder, desto eher sind sie übrigens bereit, auch mal etwas Unbekanntes zu probieren – so gab es für viele zum ersten Mal Kichererbsen und Spinat (wir hatten einen regelrechten Spinatfan, der den gesamten Resttopf aufgegessen hat) oder Blumenkohl. Bei den jüngeren Kindern hingegen gibt es sehr viel Ablehnung gegenüber Neuem, selbst die Nudeln mit Bolognesesosse stiessen dort nicht auf grosse Begeisterung, was vermutlich auch damit zu tun hat, dass die meisten noch nie Nudeln gegessen hatten und nur die kleinen Suppennudeln kennen. Reis hingegen funktioniert immer – auch wenn ich persönlich diesen weissen Reis ernährungstechnisch höchst fragwürdig finde. Aber es gelingt mir dann doch ein paar Vitamine in Form von Mais oder Erbsen mit hineinzumogeln. Da viele Kinder sich auch weigern, Karotten zu essen, gibt es die immer nur in geraspelter Form, so dass sie weder im Reis noch im Eintopf allzu sehr auffallen. Und bei Karottenmuffins sagt dann sowieso niemand mehr nein. Tischdecken (sogar mit Servietten), warten bis alle am Tisch sind, gemeinsam essen, warten bis alle aufgegessen haben und gemeinsam abräumen funktioniert immer besser. Viele versuchen sogar für sie völlig ungewohnt mit Messer und Gabel zu essen, weil ich das so mache. Das finde ich dann schon recht rührend. Normalerweise essen sie ja nur mit einem Löffel.

Und nach einem knappen Monat ist dann schon wieder alles vorbei und ich werde gefragt, warum ich nicht bleibe. Es wäre toll, noch weitere Freiwillige für den Monat August zu haben, um das Angebot verlängern zu können. ¡Hasta la próxima Sacha Yachana Wasi!

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Sommerschule 2025

Beitrag von Britta Scheunemann

Zum dritten Mal durfte ich nun schon die Sommerschule in Puerto Barantilla im Schulhäuschen auf der Finca Don Sigifredo durchführen – es ist ein bisschen wie Heimkommen und es ist schön zu wissen, dass auf die Sommerschule gewartet wird: Joëlle und Michi sind schon Monate vorher danach gefragt worden.

Rund 26 Kinder konnten wir in diesem Jahr erreichen – das sind ein paar weniger als im vergangenen Jahr. Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren: Ist die Information möglicherweise nicht an alle gelangt? Es scheint Animositäten zwischen einigen Familien zu geben und auch die Kinder mussten zum Teil erst lernen, sich alle gegenseitig zu respektieren. Ich habe vorgängig versucht über alle möglichen Whatsappkontakte und natürlich über Joëlle und Michi die Information zu streuen, aber ich vermisse doch einige Kinder der letzten Jahre, insbesondere aus dem Colegio und Bachillerato. Und auffällig ist auch, wie wenig Mädchen aus den höheren Grados anwesend sind.

Dafür entwickelt sich das Ganze in diesem Jahr weitaus mehr zu einem Sommercamp, was ja ursprünglich meine Idee gewesen ist: Die Kinder und Jugendlichen kommen an mehreren Tagen, die in etwa ihrem Niveau entsprechen, oft auch ohne an einer fixen Einteilung an dem Grado (Schulstufe), in dem sie sich befinden, festzuhalten. Für die Eltern sind damit natürlich auch Betreuung und Verpflegung gesichert, aber als positiver Effekt sind deutliche Lernfortschritte bei denjenigen zu bemerken, die mehrmals in der Woche kommen. Mit zwei fortgeschritteneren Gruppen konnten wir im Englisch richtig vorwärtskommen und auch einige Mathedefizite aufarbeiten….wobei wir natürlich weit entfernt sind von dem, was wir aus unserem Schweizer Schulsystem kennen und erwarten. Nachsprechen und Auswendiglernen sind nach wie vor in allen Grados verbreitet und ich musste selbst die Arbeitsweise der Lückentexte wieder einmal erklären. Viele Kinder warten einfach darauf, dass ihnen die Lösung vorgesagt wird oder sie abschreiben können und es braucht nach wie vor viel Geduld und viele ganz kleine Spielchen, um sie an das Arbeiten zu zweit oder in Kleingruppen heranzuführen. Und leider gibt es immer noch einige Kinder, die weder lesen noch schreiben oder rechnen können.

Unsere Tage sind immer sehr strukturiert, das hilft den Kindern, sich zu orientieren. Ich danke immer noch den KollegInnen, die «Today’s Program» eingeführt haben, das wir jeden Morgen nach dem Begrüssungslied laut vorlesen.

Highlight sind jeden Tag die Essenzubereitungen (Haferbrei mit Obst und Mittagessen), aber auch Basteln und Experimente kommen gut an. Dazu später noch mehr.

Beim Essen gilt es immer noch zu warten, bis alle etwas auf dem Teller haben und gemeinsam zu beginnen. Neu in diesem Jahr habe ich eingeführt, dass wir auch warten, bis alle aufgegessen haben, dann die Teller durchreichen, stapeln und erst danach aufstehen. Ansonsten sprang jede und jeder auf, wenn er oder sie fertig war, trug seinen Teller in die Küche, um ihn mit viel Überschwemmung abzuwaschen und liess alle anderen am Tisch sitzen. Wir haben in diesem Jahr sogar regelmässig mit Servietten gedeckt und einen Dessertlöffel zu platzieren gelernt. Meine Schwiegermutter sagt zu ihm immer «kleiner Prophet» und so nennen wir ihn auch hier «profeta».

Natürlich haben wir nicht nur Englisch, Mathe und Lengua (Spanisch) gemacht, sondern auch diverse Dinge gebastelt und produziert; Anhänger, Seifen, Blumen aus Krepp und einiges mehr.  Niederschwellige physikalische Experimente mit den Grados des Colegio sorgen immer wieder für Erstaunen und mit der recht kleinen, aber neugierigen Freitagsgruppe habe ich sogar eine Einheit zu Mikroplastik durchführen können. Dafür mussten sie Sand mitbringen, den wir trocken, im Wasser und in Salzwasser unter einer Lupe angeschaut haben und so das Mikroplastik erkennen konnten. Dazu galt es, die Ergebnisse und Erkenntnisse auf einem Bogen zusammenzufassen und Evaluationfragen zu beantworten. Das Müllproblem ist ja nach wie vor recht erheblich und wir sammeln jeden Tag vom Bootsanleger bis zur Bushaltestelle rund einen kleinen Sack Müll auf – an der Sensibilisierung beissen sich ja schon seit Jahrzehnten die Unterrichtenden die Zähne  aus. Ausserdem habe ich die Grösseren Wasserproben mitbringen lassen, um einen Schnelltest auf Quecksilber zu machen. Zwar habe ich in den letzten Wochen keine Dragas gesehen und der Fluss führt sehr viel Wasser aufgrund der grossen Regenmengen, aber generell ist die Situation natürlich beunruhigend.  Und so haben wir uns dann an einem Freitag mit dem Thema «Mercurio» (d.i. Quecksilber auf Spanisch beschäftigt).

Mit einer ersten Ideensammlung ging es los, dann durfte im Internet nach Informationen gesucht werden (mit welchen Schlagwörtern muss man suchen, um Infos zu bekommen und was bedeutet eigentlich IA?) und dann haben wir uns noch einen eindrucksvollen Film zur Verseuchung des Rio Napo aufgrund der illegalen Goldwäscherei angeschaut. Und schliesslich haben wir die sehr groben Teststreifen in die Wasserproben hineingehalten und Farbvergleiche gemacht. Dabei stellten sich mindestens zwei Proben als eindeutig auffällig heraus. Ich werde nun Wasserproben mit in die Schweiz nehmen und dort in ein Labor geben und auf Schwermetalle untersuchen lassen. Die Lust aufs Baden oder auf Fisch ist mir aber erst einmal leicht vergangen.

Die Zeit ist wieder einmal rasend schnell vergangen und es gäbe noch viel mehr zu berichten, was diesen Blog vermutlich sprengen würde. Daher nur kurz zwei meiner schönsten Momente:

Der eine ist dieses unscheinbare Bild, aber die Situation dahinter hat mein Lehrerinnenherz höher schlagen lassen.

Wir hatten 10 Minuten Pause nach anstrengenden Matheübungen, die mit individuellen Aufgaben in einer Lernapp beendet wurden. Der junge Mann ganz rechts war so fasziniert von der schriftlichen Subtraktion, dass ihm die Pause egal war und er weitergearbeitet hat, der Junge in der Mitte hatte entdeckt, dass es in der App auch Aufgaben zur Geschichte gab und hat sich vollkommen fasziniert die Geschichte der Steinzeit angehört und Aufgaben gemacht und der Junge ganz hinten auf dem Boden hat mit seiner Schwester in der Pause ein Lernspiel (Wörter finden) gespielt. Einzig der Junge mit dem orangenen T-Shirt hat die Pause eingesetzt, um am Ipad zu spielen (dazu können die mit der Lernapp erworbenen Punkte eingesetzt werden und die 10 Minuten sind das einzige Zeitfenster am Tag, dies zu tun). Es war ein Montessorimoment !

Und der andere schöne Moment: Mehrere Mädchen stehen um mich herum und sagen «Maestra, te amamos».

Zum Abschluss haben die Kinder, die regelmässig da waren (teilweise bis zu 10 Mal) stolz ihre Teilnahmediplome erhalten und ihre Zahnbürsten sowie diverse Vorratsreste mit nach Hause genommen. Die Fertigrösti, die ich aus der Schweiz mitgebracht hatte, waren dabei besonders begehrt. Ihre Unterrichtsmappen haben sie «hasta el próximo año» im Schulhäuschen gelassen – wie könnten wir da die Sommerschule nicht weiterführen?!

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Sommerschule

Blogbeitrag von Britta Scheunemann

2022 hat es mich zum ersten Mal nach Puerto Barantilla verschlagen, wo ich während drei Monaten in dem kleinen Schulhäuschen neben dem Haupthaus der Finca Don Sigifredo einzelne Klassen unterrichtet und an zwei Tagen in der staatlichen Zwerg- und Mehrklassenschule flussabwärts ausgeholfen habe. Der Lernstand nach über zwei Jahren Schulschliessung wegen Covid und indigenen Unruhen im Land war katastrophal… Als ich dann wieder in die Schweiz aufgebrochen bin, da hatte ich ein Stück meines Herzens hier im Dschungel gelassen und das Gefühl, wiederkommen zu müssen, um nicht eine dieser Freiwilligen zu sein, die mit Menschen arbeiten, ein paar nette Selfies machen und dann wieder in den Wohlstand abreisen. So entstand die Idee der Sommerschule in Puerto Barantilla und 2023 war ich im Juli erneut in Ecuador, um zu sehen, wie diese Idee wohl ankommt. Sie kam gut an, die Kinder fragten, wann sie kommen dürften, die Eltern waren dankbar und ich hatte riesige Freude, auch wenn das Ganze als One-Woman-Show doch auch recht anstrengend war. Aber es stand ausser Frage, dass ich wiederkommen würde, und so haben wir in diesem Jahr mit dem zweiten Sommercamp gestartet. An Spitzentagen waren bis zu 13 Kinder vor Ort und das Schulhäuschen ist aus allen Nähten geplatzt, die Stühle reichten kaum aus und das Essen mussten wir auch strecken, denn (machen wir uns nichts vor), die Tatsache, dass es ein Frühstück mit Haferbrei und Obst gibt und wir auch gemeinsam Mittag essen, ist zweifelsohne ein gewisser Attraktivitätspunkt.

Ein Tag im Leben der Maestra (d.h. Lehrerin auf Spanisch) sieht in der Regel wie folgt aus: Aufstehen gegen 6 Uhr, wenn Hector und Yuma laut an ihren Hundeschüsseln klappern, einen Tee im Hängestuhl trinken – ebenso wie Michi und Joëlle einen Kaffee vor ihrem Haus – und den Blick und die Geräusche des Dschungels geniessen. Die Tische vorbereiten und mit Material bestücken, um 7.25 Uhr Aufbruch, um die Kinder abzuholen, die mit einem Extraboot alle eingesammelt werden und bereits am Ufer beginnen, die Köpfe zu zählen, um blitzschnell die Essensplanung anzupassen und zu überlegen, wie viele Kopien denn noch fehlen. Vor dem Eingangstor der Finca Don Sigifredo werden die Kinder dann recht still und halten sich eng hinter mir – Hector und Yuma haben einen Ruf, auch wenn sie sich gut an die Kids und mich gewöhnt haben. Erster Halt dann am Waschbecken zum Händewaschen, denn ganz oft beginnt unsere erste Aktivität mit dem Einsammeln von Müll am Wegesrand, den wir dann auf dem Müllgestell abstellen, das Michi 2022 für uns gebaut hat und das ich mit den Kindern bemalt habe. Der Müll muss ja erhöht liegen, damit nicht irgendwelche Tiere alles verteilen.

Die Schuhe bleiben vor der Tür und dann ist Schulstart mit dem Morning Song und einer Doppellektion Englisch. Am Ende der Lektion darf das Tablet (ich habe mittlerweile 11 ausrangierte Tablets meiner eigenen Schule mitnehmen können) mit der Lernapp Anton benutzt werden, wo die passenden Übungen zum Gelernten zu finden sind – so enden übrigens auch die Lektionen in Mathematik und Sprache. Dann kommt das erste Highlight: das Frühstück, bestehend aus Porridge mit Früchten. Manchmal gibt es auch einen selbstgebackenen Zopf! Alle Kinder wollen immer Früchte schneiden und lutschen dabei hingebungsvoll an Ananasresten oder Erdbeerstrünken herum. Wir essen vor dem Schulhäuschen, dann wird noch ein bisschen gespielt, bevor es mit Mathematik weitergeht. Das Niveau liegt um Jahre hinter dem unseren. Ich habe den Eindruck, dass das Dezimalsystem irgendwie mit dem Kichwauniversum nicht ganz kompatibel ist und auch die Zahl 0 bereitet grosse Mühe. Hinzu kommt, dass das ecuadorianische Schulsystem auf Abschreiben basiert: gemeinsames Arbeiten, Lückenaufgaben, Textaufgaben, kurz, alles, was mit Transfer und Vernetzungen zu tun hat ist nur schwach ausgeprägt bis gar nicht vorhanden.

Nach 40 Minuten Mathematik rauchen allen die Köpfe dermassen, dass wir erneut eine kurze Pause machen, bevor es mit Sprache weitergeht. Rechtschreibeübungen, Reime, Wortarten und Sätze waren in diesem Jahr unser Thema. Und auch hier begrenzt die Welt den Wortschatz: so wusste beispielsweise niemand, was ein Vikuña ist – das lebt zwar in den Anden Ecuadors, aber wir befinden uns halt in der Amazonía. Auch die Viper oder der Flamingo waren ausserhalb der Wissens- und Vorstellungswelt ebenso wie die Kontinente und damit war ebenfalls das Wort bzw. der damit verknüpfte Inhalt unbekannt. Aber immer wieder gab es auch Überraschungen wie diesen Vers einer Schülerin der Sommerschule – wir hatten tatsächlich eine Dichterin unter uns:

La noche tiene una gran cuna
Plateada y serena: es la luna.

Zum Abschluss des Vormittags standen dann Bastelarbeiten mit den Jüngeren und niederschwellige physikalische Experimente mit den etwas Grösseren auf dem Plan. Zum Glück gibt es das Internet mit vielen Ideen, meine eigene Kreativität ist da eher beschränkt und auch die Naturwissenschaften gehören nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen.

Und dann wurde gekocht – vieles gemeinsam mit den Kindern, einiges habe ich aber jeweils am Vortag vorbereitet. Dank Joëlles Licuadora (Mixer) konnten wir auch oft frische Säfte zubereiten. Da immer alle helfen wollen, war es jedoch mitunter etwas schwierig sämtliche Jöbli gerecht zu verteilen. Beim Kochen haben wir natürlich die Lebensmittelpyramide bearbeitet und Rechnen geübt, denn es muss ja immer gewogen und gemessen werden. Aber das Pizzablech gerecht auf 6 Personen aufzuteilen hat mathematisch so gut wie nie geklappt, denn dazu muss natürlich gemessen und richtig dividiert werden. Auch die Küchenwaage war den meisten ein Rätsel und viele Kinder hatten bereits Mühe, die Zahlen auf der Anzeige zu entziffern – die Vorstellung von Gramm und Kilogramm ist ebenfalls fast inexistent. Grösstes Mysterium war jedoch zunächst der Messbecher, aber mittlerweile haben die meisten gelernt, dass dort Milliliter bzw. Liter und Gramm angezeigt werden und man tunlichst auf die Abkürzungen ml und g achten soll. Gegessen wurde wieder draussen am grossen Tisch, aber erst wenn alle sassen und jeder etwas auf seinem Teller hatte: dann haben wir uns die Hände gereicht und laut «Buen provecho» oder «Enjoy your meal» gerufen – seltsame Gringositten halt 😊.

Viele Kinder haben dort zum ersten Mal unbekannte Dinge gegessen (Brokkoli, Blumenkohl, Tortilla española, Gemüsegratin) und normalerweise blieb nie etwas übrig. Wenn jemand etwas nicht mochte, dann fanden sich sofort Abnehmer*innen und die Reste musste ich immer sehr gerecht verteilen. Einige Kinder haben auch nach einer Tüte gefragt; sie haben oftmals nicht aufgegessen, um etwas für ihre Familie mitzunehmen. Mittlerweile weiss ich, wo es besonders knapp ist und kann dann auch gezielter die Reste mitgeben. Danach wurde abgewaschen, Zähne geputzt, der Besen geschwungen und alle wieder zum Boot gebracht, das so gegen 13.15 Uhr abfuhr.

Danach galt es für mich nachzubereiten, zu dokumentieren und den nächsten Tag vorzubereiten, einmal durchzuwischen und das Bad zu putzen. Besonders gefordert haben mich die Bastelarbeiten, da ich alles zunächst selbst ausprobieren musste, ebenso wie die Experimente. An dem Vulkan aus Backpulver und Essig bin ich beispielsweise immer gescheitert: das liegt entweder an der Luftfeuchtigkeit oder dem ecuadorianischen Essig und wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben.

Manchmal war auch die Wäsche dran – Joëlles und Michis neue Waschmaschine kann sogar Wasser aufheizen und die im Display angezeigte Zeit stimmt haargenau!

Oft bin ich gegen 17 Uhr dann noch eine Runde joggen gegangen – ist etwas abenteuerlich auf der elenden Schotterpiste, aber was soll’s, irgendwann kannten alle die rennende gringa loca (verrückte Ausländerin) riefen mir «hola maestra» zu oder boten mir eine Mitfahrgelegenheit an. Manchmal ging es auch als Abendspaziergang mit einer grossen Tasche über die Kuhweiden bzw. Joëlles neuen Weg zu meinem Lieblingszitronenbaum, um mich für die Woche mit Zitronen einzudecken – ich trinke hier im Dschungel Unmengen an Zitronenlimonade und auch die Kinder haben sie ebenfalls gern, sofern genügende Zuckermengen drin sind… Die Dämmerung war dann immer ein besonders schöner Moment: im Hängestuhl sitzen, lesen und den Geräuschen zuzuhören. Und dann war ich meistens auch schon so müde, dass ich gegen 20 Uhr geschafft ins Bett gefallen bin. So viel wie hier in Puerto Barantilla schlafe ich sonst nie. In diesem Jahr habe ich allerdings zum ersten Mal ein Mückennetz gebraucht, da es bedeutend feuchter ist als bei meinen letzten Aufenthalten und nachts so einiges an Getier um mich herumflog. Einmal waren sogar zwei Fledermäuse zu Besuch in meinem Schlafzimmer im oberen Stock des Schulhäuschens.

Fazit: Auch die zweite Sommerschule und mein dritter Aufenthalt sind sehr positiv aufgenommen worden. Ich beginne immer besser durch die hiesigen Strukturen durchzuschauen und viele Menschen kennen mich. Mittlerweile werde ich auch nicht mehr gefragt, ob ich wiederkomme, sondern wann…